Sommersynode 2020 - Offene Kirche ruft zum Mut zur Veränderung auf

Donnerstag, 2. Juli 2020. - OK-Vorsitzender Prof. Dr. Martin Plümicke: Votum für den Gesprächskreis Offene Kirche

 Herr Präsident! Liebe Synodale! Lieber Herr Landesbischof,

herzlichen Dank für Ihren Bericht.

Kann die Corona-Pandemie als eine Strafe gedeutet werden? - Sie haben in Ihrem 7. Punkt eine theologische Deutung der Krise versucht. Das ist eine Frage, die ich in den letzten Wochen, wenn überhaupt, nur in innerkirchlichen Kreisen wahrgenommen habe. Außerhalb der Kirche ist mir diese Frage so gut wie nie begegnet. Sie haben in Ihrem Bischofsbericht darauf eine Antwort versucht. Sie sagten: „Gott ist gut, und wenn er uns richtet – so schlussfolgerten Sie aus 2. Kor 5 –, dann um etwas offenbar zu machen, um uns zur Umkehr zu rufen. Es soll durch Gottes Gericht etwas erkennbar, etwas sichtbar werden, das uns vorher verschlossen war.“ Konkret haben Sie benannt, was uns Gott sichtbar machen will: „Vieles von dem, was das Virus zu einer humanen und globalen Katastrophe macht, trägt die Handschrift von uns Menschen.“ Es lässt sich theologisch streiten, ob Gott nun durch eine Pandemie handelt, sei es strafend oder weisend, oder ob das Virus vielmehr ein Aspekt des menschlichen Handelns und damit der Schöpfung ist, die auf schlimme Abwege gekommen ist. Und diese Abwege haben Sie benannt: ökologischer Raubbau, wie ein Fetisch des Wachstums und des „immer mehr“. Man könnte die Liste noch um eine Vielzahl von weiteren Beispielen ergänzen: die Fleischindustrie, die unzähligen interkontinentalen Flugbewegungen, die globale Ungerechtigkeit, das Erstarken des Nationalismus. Sie schließen mit dem Fazit: „Wenn wir die Corona-Krise also zum Anlass nehmen, diese Fragen nach dem Warum im Lichte Gottes stellen, finden wir andere Antworten. Unbequeme Antworten, die unseren Lebensstil infrage stellen. Wir stellen uns mit diesen Fragen vor Gott und stellen sie uns einander.“ Dem ist aus Sicht der OFFENE KIRCHE nichts hinzufügen.

Herr Landesbischof, Sie haben den Bedeutungsverlust der Kirchen beklagt. Sie wehren sich energisch gegen die an einigen Stellen unserer Gesellschaft geäußerte Kritik am Auftreten der Kirche.

Ich wage an dieser Stelle die Behauptung: Wenn die Kirche die soeben vorgetragene theologische Deutung mutig hörbar öffentlich geäußert hätte, wenn die Kirchen deutlich gemacht hätten, dass Corona keine Strafe Gottes ist, sondern einen Moment darstellt, um den Menschen die Augen zu öffnen, und wenn die Kirchen wie die Propheten des Alten Testaments gesellschaftlich deutlich gemacht hätten, dass es dringend Zeit zur radikalen Umkehr ist, dann hätten wir im Mittelpunkt einer Diskussion gestanden. Niemand hätte uns zu geringe Sichtbarkeit vorgeworfen. Wir hätten uns vermutlich massive Kritik von den Gewinnern unseres derzeitigen Wirtschaftens gefallen lassen müssen, sie hätten uns vermutlich vorgeworfen, nichts von wirtschaftlichen Zusammenhängen zu verstehen oder Traumtänzer zu sein. Diese Vorwürfe hätten wir womöglich aushalten müssen, aber die Frage, ob wir systemrelevant oder existenzrelevant sind, hätten wir uns dann nicht stellen müssen. Es ist höchste Zeit, sich deutlich stärker gesellschaftlich einzumischen.

Vielleicht ist ja unser Hauptproblem: Wir haben eigentlich die richtigen Botschaften, nur uns fehlt das Selbstbewusstsein, sie aktiv zu vertreten. Man kann darüber spekulieren, warum das so ist. Haben uns die Mitgliederrückgänge der letzten Jahre und die damit nun seit fast 30 Jahren andauernden Kürzungsdiskussionen müde gemacht? Glauben wir selber nicht mehr an die Kraft des Evangeliums? Fehlt uns der Mut zu einer neuen Reformation, die dringend nötig wäre, um unser Gottesbild den veränderten wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 100 Jahren anzupassen?

Vielleicht ist diese Passivität ja auch die Ursache für die Kritik an unserem Handeln als Institution in dieser Pandemie. Lassen Sie mich es in aller Deutlichkeit sagen: Das Ergebnis unseres Handelns in den vergangenen drei Monaten ist richtig und allenfalls in Nuancen kritikwürdig. Aber wie es zu diesen Ergebnissen kam, stimmte uns von der OFFENEN KIRCHE schon nachdenklich. Gibt es in unserer Verfassung nicht das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen? Darauf hat Frau Kurtz heute Morgen schon hingewiesen. Kann es sein, dass eine Landesregierung Zusammenkünfte in Kirchen verbietet? Ist es nicht unser ureigenste Verantwortung zu handeln? Und das haben wir auch getan. Am 17. März hat sich der Geschäftsführende Ausschuss in seiner Funktion als „Notparlament“ versammelt und den OKR ermächtigt, in einer Krisensituation Gottesdienste auszusetzen. Warum lassen wir es uns dann bieten, dass eine Landesregierung zu einem späteren Zeitpunkt uns verbietet, Gottesdienste abzuhalten. Warum weisen wir, wenn es um die derzeit gültigen Regeln in Gottesdiensten geht, immer wieder auf die Abstimmung mit dem Land hin? Ist es nicht unsere eigene Verantwortung, Regeln zu definieren, die sicherstellen, dass unsere Gottesdienste nicht zu „Superspreader-Events” werden, wie Sie Herr Landesbischof vollkommen zu recht ausführen?

Dazu gehört dann aber auch ein klares Wort der Kirchenleitung an die eigenen Theologen und Theologinnen in unserer Landeskirche: wer meint, dass blindes Gottvertrauen höher wiegt als die kritische Reflexion der wissenschaftlichen Erkenntnisse, in diesem Fall der Virolog*innen, handelt nicht nur fahrlässig, sondern muss sich auch nicht wundern, wenn Kirche als irrelevant betrachtet wird. Wer Gottvertrauen gegen die Erkenntnisse der Wissenschaft ausspielt, ist nicht mehr weit von den Verschwörungstheoretikern entfernt, die Sie, lieber Herr Landesbischof, auch zu Recht scharf kritisieren.

Lassen Sie mich nun noch auf zwei Punkte unseres landeskirchlichen diakonischen Handelns eingehen: United4Rescue und den Mutmacher-Fonds. Wir als OFFENE Kirche unterstützen diese beiden Maßnahmen nachhaltig. Aber, so fragen wir: Sind die Zeichen genug? Ist es nicht armselig für eine so reiche Kirche, die solch unglaubliche Rücklagen hat, dass wir in beiden Fällen nur die Gemeindeglieder zu Spenden aufrufen? Deshalb haben wir als OFFENE KIRCHE in beiden Fällen Anträge eingebracht, dieses maßvoll zu korrigieren. Ich hoffe, das erfolgt im Falle des Mutmacher-Fonds bereits in dieser Synodaltagung.

Lieber Herr Landesbischof, Sie beziehen Stellung zu der Handreichung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis.

Danke für die Klarheit, in der Sie - bewusst oder auch unbewusst – die Analogie zur nationalsozialistischen Zeit zurückweisen!

Lassen Sie mich noch zwei Punkte an die Adresse der Verfasser*innen dieser Handreichung hinzufügen: Wenn Sie zur Kirchenspaltung aufrufen, ziehen Sie dann auch für sich persönlich die Konsequenzen? Sind Sie bereit auf Gehalt und Pensionen der Landeskirche zu verzichten, deren legitimen Vertreter und Vertreterinnen Sie derart ablehnen?

Aber eines teilen wir mit Ihnen: die Forderung nach einem kirchlichen Verfassungsgericht. Wir sind allerdings im Gegensatz zu Ihnen, davon überzeugt, dass ein solches Verfassungsgericht feststellen würde, dass sowohl die jetzige Gesetzeslage als auch die „Trauung für alle“ absolut verfassungsgemäß sind. In diesem Zusammenhang, Herr Landesbischof, besteht dann ein Dissens!

Zum Schluss möchte ich mich im Namen der OFFENE KIRCHE in zwei Punkten Ihnen, Herrn Landesbischof, ausdrücklich anschließen. Unser Dank gilt allen, die in dieser Krise zum Teil Unglaubliches geleistet haben, auch wenn ihr Gehaltszettel, das möchte ich hier anfügen, dies oftmals nicht annähernd widerspiegelt und die Erkenntnis „Wir haben gelernt, “vom Tod umfangen” unser Leben, als Geschenk neu wertzuschätzen.“

Blick in die Synode
Martin Plümicke
Hellger Koepff