Amos-Preis-Verleihung 2022 an Karoline Preisler

Ort der Amos-Preisverleihung 2022: Die Ev. Leonhardskirche Stuttgart

Preisverleihung des Amospreises am 13. März 2022

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Karoline Preisler

Für Demokratie und Freiheit

„Das wäre doch eine Lektüre für Putin“, sagte die Buchverkäuferin, als Akademiedirektor Prof. Dr. Jörg Hübner das vor einem Jahr veröffentlichte Buch von Karoline Preisler bestellte: „Demokratie aushalten! Über das Streiten in der Empörungsgesellschaft“. Dabei hatte die Norddeutsche es nach ihrer Covid-19-Erkrankung geschrieben für die Mitmenschen, die sie und ihre Familie während ihrer Krankheit angegriffen hatten und sagten, sie lebten in einer „Corona-Diktatur“. Als Juristin und aufgewachsen in der DDR wollte sie dem widersprechen. Sie suchte auch bei Demos das Gespräch mit Impfgegnern und forderte von ihren Kolleg*innen in der Politik, Freiräume für Dialoge mit Andersdenkenden zu schaffen. Professor Hübner sagte in seiner Laudatio am 13. März in Stuttgart: „In allem schwingt eine Herausforderung, auf die es heute und morgen ankommt: die Verteidigung unserer Demokratie und ein Verständnis von Freiheit. Sie haben den diesjährigen Amos-Preis der OFFENEN KIRCHE in unserer Württembergischen Landeskirche mehr als verdient.“

Als Mitarbeiterin im Bund der Evangelischen Kirche in der DDR wurde Preisler 1988 zur Verwaltungsangestellten ausgebildet und studierte nach der Wende Jura. Sie trat in die FDP ein und ist Gemeinderätin in Barth an der Ostsee. Da hatte sie sich auch als Bürgermeisterin beworben. Zuletzt kandidierte sie für das Europarlament. „Sie brachten und bringen sich in das demokratische Gemeinwesen mit Ihren Begabungen und Stärken aktiv ein – auch dies Ausdruck Ihres gelebten Glaubens“, so Hübner.

Deutschlandweit bekannt geworden ist Karoline Preisler jedoch durch ihr Tagebuch auf Twitter. Sie erkrankte im Frühjahr 2020. Ihre Leser*innen erlebten über Monate hinweg, wie stark ihre Atemnot das gesamte Leben umzukrempeln begann. Zusammen mit zigtausenden von Mitleidenden kämpfte sie mit den Langzeitfolgen. „Mit dieser persönlichen Erfahrung, mit Ihrem Lebensthema Freiheit und Ihrer Erfahrung im Unrechtsstaat DDR konnten Sie es nicht ertragen, dass Zeitgenossen von der ‘Corona-Diktatur‘ sprachen und behaupteten, sie würden sich wie in der DDR fühlen.“ Aber sie wandte sich nicht entsetzt, genervt oder erschrocken von diesen Zeitgenossen ab, sondern hörte ihnen zu. Sie besuchte die Corona-Proteste in Berlin, Köln und Konstanz. Sie verteilte am Rand der Demonstrationen Masken und suchten das Gespräch, um Freiheit und Demokratie zu verteidigen. „Es beeindruckt mich, dass Sie in Ihren Interviews und Veröffentlichungen niemals von den ‚Corona-Leugnern‘ oder noch schlimmeren Bezeichnungen sprechen. Keinen Menschen verdammen. Jede Meinung ernst nehmen. Immer wieder das Gespräch und den Dialog suchen. Auch den Streit. Im Geist Jesu, der keinen Menschen aufgab und keinen Menschen für ’verrückt‘ erklärte. Oder im Geiste des Propheten Amos. Denn Amos war ein Prophet der Freiheit, ein Mann der deutlichen Worte, der Auseinandersetzung.“

Preisler schreibt: „Die Diskurszerstörung beginnt, wenn wir uns keine differenziertere Betrachtung zumuten. Einfache Antworten kann es in einer funktionierenden Demokratie nicht geben. Komplizierte Antworten hingegen müssen erarbeitet werden, und dafür müssen wir miteinander reden!“ (S. 45). Und: „Ist das Lob des Zuhörens zu gutmütig? Ist es in Ordnung, ‚Querdenkern‘, rechten Gruppierungen, Antidemokraten und Mitläufern zuzuhören und ihnen dadurch Anerkennung zu schenken? Ja, es ist gutmütig. Ja, es ist in Ordnung. […] Die Verweigerung einer Debatte ist in meinen Augen falsch. Eine Demokratie korrigiert sich nur dann selbst, wenn Kritik ausgesprochen und gehört wird. Wir brauchen offene Debatten und mehr Menschen, die bereit sind, diese Debatten zu führen. Deshalb war und ist es mir wichtig, auch bei Corona-Kritik jederzeit zuzuhören und zu antworten“ (S. 52f). „Das werde nicht gelingen, wenn wir ‚nicht mit den Nazis reden‘ oder ‚den Extremisten keine Plattform bieten‘. Im Gegenteil, nur die Konfrontation ‚der Nazis‘ oder ‚der Extremisten‘ mit der Lebenswirklichkeit und unsere Konfrontation mit Parallelgesellschaften haben eine Chance auf Aufklärung und bringen einen demokratischen Prozess in Gang, der die tiefen Gräben im Idealfall zuschüttet“ (S. 130).

Hübner scheint noch etwas wichtig zu sein: „Der gnädige Umgang mit Fehlern, die Etablierung einer Fehlerkultur in Politik und Gesellschaft. Das ist die andere Seite Ihres Glaubens an die Kraft der Freiheit: der bewusste, freie und gnädige Umgang mit Verirrungen. Aber könnte es nicht sein, dass es die eine oder den anderen überfordert, Tag für Tag solche Auseinandersetzungen zu suchen? Benötigen wir deswegen nicht doch auch eine wehrhafte Demokratie – wehrhaft durch Rechtsstrukturen? Klar: Wir brauchen ein rechtlich abgesichertes Instrumentarium dafür, dass bestimmte Worte und Redewendungen nicht ausgesprochen werden dürfen. Die Haltung und das Vorbild sind das eine. Und daran mangelt es heute. Die Institutionalisierung von dialogischer Haltung durch Strukturen und Kompetenzen auch in unseren Kirchen ist das andere. Beides hat Hand in Hand zu gehen. Dann ereignet sich Zukunft. 

Die Laudatio zur Preisverleihung an Karoline Preisler hielt Akademiedirektor Prof. Dr. Jörg Hübner, Evang. Akademie Bad Boll.

Antwort von Karoline Preisler

Die Preisträgerin dankte für die Ehrung im Bundesland, das einst ihr Sehnsuchtsort war, weil Verwandte in Heidenheim wohnten, die sie nicht besuchen durfte. „Danke, dass die Menschen und ihre Gedanken heute frei sind. Das bedeutet mir alles. Die Gesellschaft zeigt uns täglich, wie wichtig es ist, Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, ob Corona-Politik oder Angriffe von Autokratien auf Demokratien.“ Viele Menschen hätten in den letzten Jahren den Kontakt zu ihr gesucht, was ihr geholfen habe, mit Covid 19 umzugehen und wieder fest auf beiden Beinen zu stehen. Die vielen Gespräche hätten ihr gezeigt, wie wichtig es sei, die Fragen und Probleme der Menschen aufzunehmen und für faire Lösungen zu gewinnen. „Wir alle sehen, wie viele engagierte Menschen es gibt, die sich mit ihren Potenzialen einbringen könnten, wenn man ihnen die Möglichkeiten bieten würde. Auch in der Kirche.“ Dabei bezog sie sich auf Dr. Viola Schrenk, die aus dem Korinther-Brief zitiert hatte: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Darin stecke die Aufforderung zur selbstkritischen Offenheit: Gehe es noch um Gottes Geist und Willen oder um rein menschliches Eigeninteresse? „Was für eine weise Erkenntnis und wunderbare Einladung zur Selbstkritik an uns alle!“

„Freiheitsrechte achten, die Unabhängigkeit der drei Gewalten, die Vielfalt der Lebensentwürfe, behütete Kinder in einem sicheren Land - es sind die Leitlinien meines politischen Handelns und meiner persönlichen Einstellung bis heute“, sagte sie. Fairere Lebensbedingungen für alle schaffen wir als starkes Team. Ich bin mir sicher: Die Mischung macht’s.“ Nach der Erkenntnis stehe die Umsetzung. Sie dankte der OFFENEN KIRCHE für die Großzügigkeit, denn das Preisgeld werde sie an drei Organisationen weitergeben: an Krisenchat.de, eine digitale professionelle psychosoziale Beratung rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich - jetzt auch auf Ukrainisch. Zweitens an Hassmelden.de für anonyme Meldungen von Hatespeech - eine ebenfalls rein ehrenamtlich Unterstützung von Opfern. Und einen Teil bekomme die Seemannsmission der Nordkirche, die Seeleuten in Notlagen hilft. „Die drei Projekte bewahren die Schöpfung in aller Vielfalt und gerade dort, wo die Not groß und Sie und ich nicht sind. Möge Ihre, unsere christliche Arbeit weiterhin ein Segen sein.“

Die Rede der Preisträgerin Karoline Preisler im Wortlaut

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